02. Januar 2010 - 09. Oktober 2019 



Zum Gedenken an Bonna vom Wenninghof oder
„der die wahre Freundschaft lehrt“

von Torsten Steube

 
 
Es war der 17. März 2010, ein Mittwoch als wir Bonna vom Züchter Klaus Wenninghoff aus Dreierwalde bei Osnabrück holten. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die es wohl so für mich nie wieder geben wird.
Sie durfte anfangs nicht mit auf das Sofa, ich habe extra einen gefliesten Zwinger für sie gebaut, aber es kam alles anders.
Schnell eroberte sie unsere Herzen. Nach drei Tagen lag Bonna mit bei mir auf der Couch. Die Wochen vergingen schnell und mir wurde klar, dass ich diesem wundervollen Geschöpf gerecht werden will. So beschloss ich im Sommer 2010 den Jagdschein zu machen. Und nahm von September 2010 bis Mai 2011 an einem Lehrgang teil und bildete Bonna parallel dazu selbst aus. Das Jahr 2011 war das Jahr der Prüfungen. Bonna zeigte mir wie es geht. VJP 64 HZP 183 – zweiter Suchensieger, bester Hund im Wasser und Zuchtschau von Weimar 2011 V/V=V2. Siegerin von Weimar V2. Wir waren glücklich. Wir bekamen dazu im Juli 2011 eine Jagdgelegenheit am Wohnort, am Fluss Bode, wo wir jeden Herbst etliche Erpel zur Strecke brachten. Wasserarbeit war deine Passion. Wenn bei der Jagd manch ein Hund eine Ente nicht fand, musste Bonna ran. Auch Nachsuchen und Raubwildjagd standen auf unserem Plan. Es war ein neues Leben, unser Leben. Es gab uns nur gemeinsam. Du zeigest mir, wie gejagt wird mit deinen wunderbaren Sinnen.
Absolutes Vertrauen.
Und so ging es weiter Jahr um Jahr. Wir jagten im März und Oktober Waschbären, im Herbst Enten und im Winter den Fuchs, von denen du zwei fingst, ohne dass ich einen Schuss abgab! Im Sommer den Bock und du warst immer dabei. Deine Wildschärfe war bemerkenswert und deine Standruhe zeigest du in der Blattzeit, als die Böcke nicht nur einmal vor unserem Sitz standen und du verharrtest wie versteinert – nur auf meinen Befehl wartend. Die meisten Jagderfolge waren eigentlich deine Erfolge, z. B. als du den Fasan vorgestanden hast, drehtest du den Kopf zu mir, um dich zu vergewissern – wir verstanden uns ohne Worte – der Jagderfolg war unser. Uns reichte dieses Gefühl. Wenn man Zeige- und Mittelfinger umschlingt, so waren wir. Dieses Gefühl, miteinander eins zu sein. Ein Gefühl, so tief berührt, das Herzen unter Fell und Haut gleichermaßen rasen lässt. Wie oft haben wir dieses Gefühl genossen, nicht in großer Runde mit vollen Gläsern nein, aber gern an unserem Lieblingsort am Damm auf der Kulkwiese am kleinen Bach. Hier haben wir oft gesessen und uns schöne Minuten mit der Stille geteilt.
Der A-Wurf
Mir wurde schnell klar, dass ich von dir unbedingt einen Welpen haben wollte, weil du so etwas Besonderes warst. Außerdem war mir schon lange klar, wenn du einmal gehen musst wird es sehr, sehr schwer für mich. Die Zuchtschau war ja schon bestanden sowie der Wesenstest. Es blieb noch das HD-Röntgen. Du warst war schon zwei Jahre, aber deine Hüften


waren A-1. Unser Zwinger sollte vom Munterbach heißen, so wie die Straße, in der wir wohnen. Im Februar 2014 fuhr ich dann zu deinem Artus vom Götzer Berg, der sollte es sein. Mit ihm standen wir als Sieger bei der Zuchtschau zusammen. Es klappte jedoch nicht, weil ich zu unerfahren war. Dann wurde Kim vom Hünengrab der Auserwählte, mit dem du acht wundervolle Welpen hattest. Zwei davon - was für ein Glück - sind heute noch an meiner Seite: Artus und Anna-Bonna vom Munterbach. Wir wurden gemeinsam alt. Den Höhepunkt deines Lebens hattest du im Jahr 2016 als du am 5. Oktober; wir gingen durchs Revier, deinen Kopf hochnahmst, dir Wind holtest und in ca. 50 m im Graben einen Bock mit einem sauberen Kehlbiß solange hieltet, bis ich ihn abfangen konnte. Der Bock hatte nur eine Stange, die Zweite war vermutlich bei Brunftkämpfen abgebrochen. Eine arme Kreatur mit einem Loch im Schädel, du hast es wohl mit deiner guten Nase wahrgenommen. So haben wir manch gute Nachsuche gemacht.
Fehldiagnose
Dann hast Du dir das Kreuzband angerissen. Es wurde untersucht und der Arzt stellte noch einen Hirntumor im Juni 2017 fest. „Ihr Hund hat höchstens noch einen Monat, allerhöchstens bis Weihnachten.“ Für mich brach schlagartig eine Welt zusammen. Ich wollte die letzte Jagd bewusst mit Dir so lange es noch ging machen. Es war der 2. Juli 2017 gegen 22 Uhr, da erlegten wir unseren „letzten“ Bock. Diesen Moment werde ich nie vergessen, wir hielten am Stück noch inne und du lehntest deinen Kopf an meine Stirn, als wolltest Du sagen: „Wir beide.“
Ja „wir beide“ – das wollte ich nicht wahrhaben, dass du so früh schon gehen musst. Und so holte ich mir in einer renommierten Klinik in Bramsche noch von mehreren Ärzten eine zweite Meinung ein und welch Wunder – du warst gesund, hattest nur zwei unterschiedlich große Gehirnhälften, was nicht bedrohlich ist. Festgestellt wurde nur eine Gesichtsnervenlähmung, bei der auf deiner linken Seite Auge und Lefzen etwas hingen. Da du dein Auge nicht richtig schließen konntest, rammtest du dir auf unserer Lieblingswiese einen Grashalm ins Auge. Auch das wurde operiert und war gut genesen.
Am schlimmsten ist das getrennt sein
Deine Kreuzbandgeschichte wurde immer schlechter und ich ließ am 01.03.2019 das Kreuzband operieren. Die Ärzte riefen mich an, da du einige Tage in der Klinik bleiben musstest, ihr Hund löst sich nicht. Keiner wusste was du hattest. Manche „Jagdfreunde“ rieten mir: „Eine Kleinkaliberpatrone ist billiger. Du holst Dir halt einen neuen Hund. Das kostet nicht die Welt.“ Es kostet nicht die Welt? Was wussten diese Menschen davon, was es uns kostet uns zu trennen? Es kostet eben doch die Welt! Jene Welt, die so unvergleichlich war, weil es unsere gemeinsame war. Es gab auch gar keinen Grund zur Trennung, denn als ich dich abholte aus der Klinik und du dich fünf Tage nicht gelöst hattest, war das erste was du machtest, einen Grünstreifen aufsuchen und das war es dann. Alle waren erleichtert. Du hast nur vor Trennungsschmerz nicht gemacht. Getrennt sein macht einen treuen Hund kranker als eine Kreuzband-OP.
Wir hatten noch einen schönen Sommer vor uns. Du solltest noch diese Jagdsaison mitmachen und dann mit zehn Jahren in Pension gehen und den ersten Platz für Anna-Bonna und Artus freimachen. In der Blattzeit hatten wir irgendwie kein Weidmannsheil. Ich hatte auch mit deiner Tochter einen Wurf geplant und der Decktermin fiel genau in die Blattzeit. Dann noch die Vorbereitungen für die VGP mit Artus. Da musstest du hintenanstehen. Du hast geduldig


gewartet, hast dich nie beschwert, wenn ich dich erst spät abgeholt habe. Anna wurde von Mondlicht von Mecklenburg erfolgreich gedeckt. Der Tag, an dem die Welpen erwartet wurden, war der 9./10.10.2019, was unser Schicksalstag werden sollte. So verging der Sommer im Flug, die VGP stand vor der Tür.
Eine Frage des Gewissens
Anfang Oktober ging es dir aus heiterem Himmel immer schlechter. Ich konnte mich nicht so um dich kümmern, da Artus VGP zeitgleich war. Artus spürte, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich rief zu Hause an, wir waren mit „Schweiß“ an der Reihe und „Mutti“ fuhr mit dir am Samstag zum Haustierarzt. Dieser schickte uns ein paar Tage später nach Leipzig zur Untersuchung. Wir gingen von einer Futtermittelunverträglichkeit aus. Es ging dir sehr schlecht, hohes Fieber, Blut im Stuhl, du hattest nichts mehr zu dir genommen und konntest nicht schlucken, der Speichel lief aus deinem Fang. Ich hatte eine Vorahnung, als ich dich in der Klinik lassen musste. Ich nahm deinen Kopf in meine Hände und hockte mich vor Dich hin, küsste dich auf den Kopf und sagte: „Machs gut mein Schatz.“ Nicht wissend, dass es ein Abschied für immer werden sollte. Am nächsten Morgen – ich hatte die ganze Nacht nicht schlafen können – rief ich in der Klinik an, um mich nach deinem Befinden zu erkundigen. Die Frau am Telefon war nett und sagte: „Sie war die ganze Nacht am Tropf, es geht ihr schon besser. Sie hat sich aus ihrem Geschirr befreit und stand schon bei uns vor der OP-Tür, wollte wohl zu Ihnen“.
Dann mittags um 12 Uhr kam der Anruf vom Klinikdirektor: „Herr Steube …“ Niemanden will ich erzählen, was ich fühlte, als der Arzt mich mit aller Dringlichkeit bat, das „Einverständnis“ zu geben, dich nicht mehr aus der Narkose erwachen zu lassen. Er drohte mit dem Amtstierarzt, weil ich dich in meinem Arm auf unserer Wiese auf deine letzte Reise schicken wollte. Aber es sollte nicht sein. Als der Arzt mir erklärte, wie schlimm es ist, gab ich mein „Ja“. Es war der 09.10.19 gegen 12.30 Uhr. Dein Kehlkopf war schlimm von Bakterien zerfressen, sowie Zunge und Mundschleimhaut. Der Professor sagte, er hat in fast vierzig Jahren Berufserfahrung so etwas Schlimmes noch nicht gesehen. Keiner wusste, woher es kam. Jetzt sollte ich meinen starken Jagdhund wegen Bakterien verlieren? Du solltest nicht leiden, solltest aus der Narkose nicht wieder aufwachen. Dann nur noch schlafen, schlafen und für alle Zukunft nur schlafen, nie merken, dass aus dem schweren Schlaf der Narkose ein leichter Tod geworden war. Trotz der Gewissheit das Richtige getan zu haben, rief eine Stimme in mir:
„Du hast deinen besten Freund verraten. Du hast das größte und reinste Vertrauen, dass einem Menschen geschenkt werden kann missbraucht.“ Nach mehreren Gesprächen mit den Ärzten wurde ich aber überzeugt, dass ich die richtige Entscheidung für „Dich“ getroffen habe. Ich frage mich noch immer: „Hätte man …“ Dieses Gefühl werde ich wohl immer behalten. Aber wir haben alles für dich getan, egal was es kostet. Wir haben dich von der Klinik abgeholt und in den Flur gelegt. Anna und Artus hatten die Gelegenheit, sich von dir zu verabschieden. Ich habe so etwas noch nie gesehen und hätte nie gedacht, dass Hunde so etwas machen. Sie sind an dich herangetreten, haben dich beschnuppert und den Kopf weggedreht, das mehrmals. Ein paar Stunden später ist Anna die Treppe hoch in mein Jagdzimmer und gebar ihre Welpen. Sie wollte wohl ihre Jungen nicht bei der toten Bonna bekommen. Einen kleinen Rüden hat dann der Tod doch noch mitgenommen, bevor er aus unserem Haus vorläufig verschwand.


Wir haben dich im Garten begraben
Ein großer Findling mit eingehauener Inschrift wird die Erinnerung an dich wachhalten. Ich bin jeden Tag auf unserer Wiese mit deinen Kindern und Enkeln und zeige Ihnen die Wiese, unseren Lieblingsplatz und den kleinen Bach, an dem wir oft saßen. Sein Wasser weiß viel von unserem Leben. Aber ich bin sicher, dass die Gänse und Kraniche oben am Himmel noch mehr wissen. Sie erzählen jeden Herbst von einem schönen grauen Hund, der an Eleganz und Schönheit seinesgleichen sucht. Der sitzt immer noch vor dem weit geöffneten Himmelstor, weigert sich aber hineinzugehen. Sie wartet und wartet, sagt, sie muss warten bis ihr bester Freund kommt und aufpassen, dass er auf seinem letzten Weg sie am Himmelstor wiederfindet.
Das war das Leben von Bonna vom Wenninghof – 02.01.10 – 09.10.19. Für Bonna – die Liebe unseres Herzens
Ich werde deine Liebe, Loyalität und deine einzigartige Persönlichkeit vermissen. Aber deine unsterbliche Seele begleitet mich durch mein restliches Leben auf Schritt und Tritt. Wer als Mensch je ein Tier zum Freund hatte, weiß wie hilflos wir aufrecht gehenden Geschöpfe gegenüber der großen Liebe sind, die unsere Tiere uns entgegenbringen. Wir haben dem wenig entgegenzusetzen.
Mein besonderer Dank gilt meiner Regina, die mir in allen Situationen den Rücken freigehalten hat.